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    Lützerath

    Was nach der Demo bleibt

    Beitrag von Anne
    16.01.2023 — Lesezeit: 3 min
    Lützerath

    Lützerath – dieser Ortsname wird uns wohl allen für immer in Erinnerung bleiben. Die Bundesregierung wollte laut eigener Aussage hier ein Zeichen für das Ende der schmutzigen Energiegewinnung setzen und erreichte wohl eher das Gegenteil. Das kann einen nicht nur nachdenklich machen – ich zumindest habe mich als unbedeutender, viel zu inaktiver Teil der Klimabewegung in den vergangenen Stunden traurig, wütend, betrübt, sauer, ignoriert und – entschuldigt meine Wortwahl – verarscht gefühlt.

    Weil es das schon ziemlich genau zusammenfasst, halte ich mich an dieser Stelle kurz und füge lediglich ein paar Gedankenfragmente zusammen, die irgendwie rausmüssen. Die Zahlen, Daten, Fakten und Zitate, Wahrheiten, Unwahrheiten, Halbwahrheiten, Behauptungen und Rückschlüsse könnt Ihr überall sonst lesen, wo Menschen das vergangene Wochenende Revue passieren lassen.

    Zuallererst noch mal ein große Danke an alle, die vor Ort waren, im Schlamm, auf Bäumen, Ästen, in Tunneln, auf Traversen, an der Abbruchkante, am Bauzaun, auf dem Feld und im Dorf oder was davon noch übrig ist. Ihr seid wunderbar.

    Beschlossen war das Ganze schon lange. Von einem Konzern, dem das Land um Lützerath inzwischen gehört und der damit ganz offensichtlich anstellen kann, was er möchte. Das Argument: die Energieversorgung sicherstellen. Ob dazu das Abbaggern (für mich übrigens ein klarer Kandidat für das Unwort des Jahres) eines weiteren Ortes und damit das weitere Entfernen vom gemeinsam mit allen Ländern vereinbarten 1,5-Grad-Ziel nötig ist, sei hier mal dahingestellt. Was ist denn eigentlich los mit der Menschheit?

    Wer es wieder wunderbar in Worte gefasst hat, war Greta Thunberg (wann lernen Rundfunk-Sprecher⋆innen endlich, ihren Namen auszusprechen, die Frau sollte man sich doch inzwischen wirklich gemerkt haben). Nicht nur in ihrer Rede im Brachland vor der Baggerschaufel, sondern auch im unsäglichen Interview bei und mit Anne Will gestern Abend. So klare, offene Worte findet kaum ein Mensch jemals zu diesem Thema.

    "Warum macht Ihr weiter, wenn Ihr doch gesagt habt, Ihr hört auf?"

    Talkshow-Inhaberin und Medienprofi Anne Will fehlen irgendwann die Worte und sie liest nur noch ihre Fragen vom Blatt ab – so sehr nehmen ihr die logischen, ruhig vorgetragenen Sätze der 20-Jährigen den Wind aus den Segeln. Sie hat einfach recht! Da hilft weder Polemik noch Populismus oder das verzweifelte Gegensteuern mit angeblichen Gegenargumenten. Wir müssen aufhören, den Planeten auszuhöhlen und Kohle zu fördern, wo klimafreundlicher Wald an einst harmonisches Dorfleben grenzt.

    Wir müssen wirklich etwas tun! Aufhören zu fliegen! Weniger heizen, bis es echte Alternativen gibt, kein Fleisch mehr konsumieren und nachhaltige Ideen anerkennen und voranbringen, statt althergebrachten Systemen und der Energiegewinnung mit dem Schaufelradbagger hinterherzurennen. Klar hat den Nazis Ende der 1930er-Jahre irgendwann mal ein Konzern zur Dezentralisierung der Energieversorgung geraten, aber: hatten wir dieses finstere Zeitalter nicht hinter uns? Verdammt noch mal, wir leben im Jahr 2023! Das wäre ja, als würde man Bakelit-Telefone zwei Wohnblocks weiter dem Smartphone vorziehen!

    Hier noch mal in Greta Thunbergs Worten:

    "Deutschland ist historisch gesehen einer der größten Umweltverschmutzer weltweit. Was in Deutschland passiert, bleibt nicht in Deutschland.

    Von außen betrachtet erscheint es seltsam, ein Dorf zu opfern, um andere zu retten. Das ergibt keinen Sinn – besonders wenn man an die Mengen an CO2 denkt, die bei der Umsetzung dieser Pläne ausgestoßen werden."

    Noch ein paar Denkanstöße zum Thema Gewalt:

    • Einem Menschen einen Schlagstock auf den Kopf zu schlagen, ist Gewalt.
    • Eine sinnvolle Diskussion mit Pseudo-Argumenten zu verhindern, ist Gewalt.
    • Menschen durch Brüllen einzuschüchtern, ist Gewalt.
    • Personen durch Bauzäune am Demonstrieren zu hindern und ohne Rücksicht auf eventuelle Kursänderungen weiter Gebäude abzureißen, während vernünftige Menschen noch diskutieren möchten, ist Gewalt.
    • Die Macht des Stärkeren ist Gewalt.

    Dieses wunderschöne Dinos Christianopoulos Zitat soll hier den Abschluss machen. Ihr seht es auch im Titelbild, das ich mir von der Aktivistengruppe "Lützi bleibt"1 ausgeliehen habe.

    "They Tried to Bury Us; they Didn’t Know We Were Seeds" ("Sie haben versucht uns zu begraben, sie haben nicht gewusst, dass wir Samen sind")

    Sie haben bekommen, was sie wollten, doch die Menschen werden es nicht vergessen. In Zukunft werden andere Generationen an den Hebeln sitzen. Hoffentlich wird dann noch etwas zu retten sein. Wenn wir nicht sehenden Auges alle Kipppunkte in den nächsten paar Jahren umrennen wollen, müssen wir einiges grundlegend ändern.

    Lützi bleibt. Für immer. In Erinnerung.

    hr
    1. Lützi bleibt Instagram

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